{"id":201,"date":"2010-08-30T11:01:22","date_gmt":"2010-08-30T11:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tordy.at\/?p=201"},"modified":"2018-05-26T10:46:58","modified_gmt":"2018-05-26T08:46:58","slug":"wahnsinn-no-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tordy.at\/index.php\/2010\/08\/30\/wahnsinn-no-2\/","title":{"rendered":"Wahnsinn No.\u00a02"},"content":{"rendered":"<p>Wahnsinn No. 2<\/p>\n<p>Eine psychotherapeutische Praxis im Niemandsland. Besorgte Eltern machen sich f\u00fcr ihre 16 j\u00e4hrige Tochter einen Termin aus. Die Tochter war zuletzt im Bezirkskrankenhaus wegen einer psychotischen St\u00f6rung behandelt worden. Konkret hatte das M\u00e4dchen nach einer durchzechten Nacht nicht nur Stimmen geh\u00f6rt sondern sich auch h\u00f6chst erregt mit diesen Stimmen unterhalten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach der Ausn\u00fcchterung war das M\u00e4dchen immer noch in einem erregten Zustand, die von ihr berichteten Bilder waren sexuell aufgeladen und wahnhaft gef\u00e4rbt. Konzentration, Merkf\u00e4higkeit und Ged\u00e4chtnisfunktion waren beeintr\u00e4chtigt, das formale Denken lie\u00df sich als deutlich verlangsamt, inkoh\u00e4rent und und zerfahren bewerten. Weiters bestand eine Beeintr\u00e4chtigung in der zeitlichen Orientierung.<br \/>\nNach einigen Tagen des station\u00e4ren Aufenthalts wurde die Patientin zur ambulanten Nachbehandlung entlassen, wobei diese im Spital erfolgen sollte. Im Zuge dieser Behandlung hat die behandelnde \u00c4rztin den Eltern eine psychotherapeutische Behandlung der Tochter empfohlen.<br \/>\nBei diesem Erstgespr\u00e4ch, an dem sowohl die Eltern als auch die Tochter teilnehmen, vermitteln erstere den Eindruck einer unbeholfenen \u00dcberf\u00fcrsorglichkeit, w\u00e4hrend die Tochter medikament\u00f6s offensichtlich gut eingestellt, langsam im Gedankengang aber klar in ihrer Haltung von ihren Eltern fordert, diese m\u00f6gen ihr mehr Freiheit lassen.<br \/>\nIm Zuge der Abkl\u00e4rung der Erwartungen kommunizieren die Eltern, sie w\u00fcrden alles f\u00fcr ihr Kind tun, nur damit es ihr besser ginge. In ihrem Verhalten aber vermitteln sie den Eindruck, als ob neben der offensichtlichen Sorge um die Tochter auch ein gro\u00dfes Kontrollbed\u00fcrfnis herrsche. Wann immer die Tochter zu eigenen Gedanken und Erkl\u00e4rungen ansetzt, f\u00fchlen sich die Eltern berufen, diese Aussagen zu interpretieren. Gar nicht so selten kommt es vor, dass die von den Eltern gegebene Interpretation deutlich vom Sinn der Aussage der Tochter abweicht.<br \/>\nDie Tochter wiederum wirkt &#8211; abgesehen von der gestellten Forderung &#8211; sehr eingeschr\u00e4nkt in ihrer Wahrnehmung von der Welt. Wenig scheint sie zu interessieren. Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig ber\u00fchrt zeigt sie sich vor allem von dem Umstand, dass ihr die Eltern ihr neu entdecktes Interesse f\u00fcr Burschen partout zu hintertreiben suchen.<br \/>\nVereinbart wird, dass die Tochter einmal w\u00f6chentlich zur Therapie kommt und die Eltern bei Bedarf beraten und \u00fcber die grobe Linie der Therapie informiert werden.<br \/>\nIm Zuge von drei, vier Sitzungen verfestigt sich das Bild vom Erstgespr\u00e4ch. Die Patientin ist und bleibt wenig affizierbar, beantwortet Fragen einsilbig mit &#8222;ja&#8220; oder &#8222;nein&#8220; und zeigt wenig Bereitschaft sich mit Fragen &#8211; welcher Art auch immer &#8211; auseinanderzusetzen. Einzig rund um das Thema pers\u00f6nliche Freiheiten und &#8222;Burschen treffen&#8220; wird sie &#8222;lebendig&#8220;.<br \/>\nTherapeutisch betrachtet ist die Haltung der Tochter durchaus hilfreich und in vielerlei Hinsicht herausfordernd. Zum einen in Richtung der Diagnose selbst: W\u00e4hrend es im klinischen Bild der akuten Schizophrenie oder einer post-psychotischen Phase durchaus Episoden gibt, in denen die PatientInnen sehr abwesend und einsilbig wirken und kaum ber\u00fchrbar scheinen, so ist es h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich, dass sich bei derselben PatientIn im selben Zeitfenster f\u00fcr einen klitzekleinen Bereich ihres Lebens krankheits- und medikament\u00f6s bedingte Schleier lichten und sie glasklar, angemessen strukturiert, reflektiert und\u00a0 affizierbar ihre Interessen artikuliert und mit Verve vertritt. Das fordert zum Nachdenken.<br \/>\nWeiters ist bei diesem Zustandsbild nat\u00fcrlich an eine Kooperation mit der behandelnden \u00c4rztin zu denken. Was sind deren Beobachtungen und \u00dcberlegungen? L\u00e4sst sich unter Umst\u00e4nden an eine Ver\u00e4nderung der Medikation denken, etc\u2026<br \/>\nF\u00fcr die Zusammenarbeit mit der Patientin l\u00e4sst sich dieser kleine Ausschnitt utilisieren: Rund um das Thema lassen sich eine Reihe von Fragestellungen denken, die in ihrem Gesamt auf jene F\u00e4higkeiten abzielen, die zur Bew\u00e4ltigung eines gelingenden Alltags beitragen: Kann und mag sie sich mit Freunden und Freundinnen treffen? Kann man sich gemeinsam in einem Lokal sehen lassen, nachdem alle im Ort wissen, dass sie &#8222;krank&#8220; ist\/war? Wie geht sie mit dieser Pr\u00fcfungssituation um? Wie lange h\u00e4lt sie es aus, sich auf das Gegen\u00fcber, die Sache zu konzentrieren? W\u00e4re sie bereit wieder in die Schule zu gehen, wenn sie sich daf\u00fcr gelegentlich mit Burschen treffen d\u00fcrfte? Interessanter Weise zeigt sich die PatientIn in diesen Fragen sehr kooperativ und kann auch durchaus Bedenken anerkennen, die der Erreichung ihres Zieles im Weg stehen.<br \/>\nDie Kooperation mit den Eltern erweist sich schwieriger. Nach der ersten gemeinsamen Stunde vermitteln sie den Eindruck, als ob sie am liebsten ihre Tochter zur Reparatur abgeben w\u00fcrden und zeigen dabei wenig Interesse am Fortschritt der Therapie. Nach vier Sitzungen wird eine gemeinsame Sitzung organisiert, in der die Tochter ihren Eltern einen Plan vorstellen soll, den die Eltern durchaus kritisch kommentieren und &#8211; ganz unabh\u00e4ngig davon &#8211; ihre Bedenken zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen sollen. Konkret will die Tochter &#8211; so wie fr\u00fcher auch &#8211; sich mit ihren FreundInnen treffen und an den d\u00f6rflichen Veranstaltungen teilnehmen. Selbstverst\u00e4ndlich verfolgt sie dabei das Ziel, auch den einen Burschen weiterzusehen, der ihr sein Interesse an ihr deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Im Tauschgesch\u00e4ft w\u00e4re sie bereit, auf eine Vielzahl von Forderungen einzugehen, jedenfalls aber auch die Schule zu besuchen. Die Eltern zeigen sich nicht g\u00e4nzlich abgeneigt, in ihren Bedenken aber f\u00fchren sie vor allem solche Beobachtungen von Alltagssituationen an, in denen die Tochter versagt hat. Die gemeinsame Sitzung endet mit nur einem konkreten Ergebnis: Man wird &#8211; eher aus therapeutischen Gr\u00fcnden denn aus \u00dcberzeugung &#8211; der Tochter den Schulbesuch erlauben; und bis zum Schuleintritt soll die PatientIn ihre bisherigen Freizeitbem\u00fchungen fortsetzen, allerdings um den Faktor Sport erweitern. Denn besondere Sorge mache den Eltern der schw\u00e4chliche k\u00f6rperliche Gesamteindruck.<br \/>\nDie Sitzung darauf ist die Patientin sehr einsilbig und niedergeschlagen; die Eltern h\u00e4tten den Worten wenig Taten folgen lassen; indirekt vermittelt die Patientin, dass auch das Vertrauen in die Therapie angeknackst sei. An beiden Themen wird gearbeitet, am Ende geht die Patientin mit mehr Zuversicht aus der Stunde als sie gekommen ist.<br \/>\nWenige Tage sp\u00e4ter meldet sich der Vater telefonisch: Er habe mit seiner Frau besprochen, die Tochter nicht nur aus der Therapie zu nehmen sondern in seine ferne Heimat zu transferieren. Er und seine Frau h\u00e4tten nicht die Kapazit\u00e4ten, sich angemessen um das kranke Kind zu k\u00fcmmern. In seiner Heimat aber w\u00e4re seine Schwester mit einer gleichartigen Tochter zu Hause und w\u00fcrde sich freuen, dem fernen Bruder und ihrer Nichte zu helfen. Die Tochter w\u00fcrde in den n\u00e4chsten Tagen in die Fremde transferiert werden. Punkt. Aus. Ende der Kommunikation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahnsinn No. 2 Eine psychotherapeutische Praxis im Niemandsland. Besorgte Eltern machen sich f\u00fcr ihre 16 j\u00e4hrige Tochter einen Termin aus. Die Tochter war zuletzt im Bezirkskrankenhaus wegen einer psychotischen St\u00f6rung behandelt worden. 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