{"id":267,"date":"2014-05-07T11:02:11","date_gmt":"2014-05-07T11:02:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tordy.at\/?p=267"},"modified":"2020-09-24T14:04:59","modified_gmt":"2020-09-24T12:04:59","slug":"gast-und-psychotherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tordy.at\/index.php\/2014\/05\/07\/gast-und-psychotherapie\/","title":{"rendered":"Gast und Psychotherapie"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00dcber die Verwendung des Begriffes &#8218;Gast&#8216; im psychotherapeutischen Kontext<\/em><\/p>\n<p>In Kliniken der psychiatrischen Rehabilitation gibt es gelegentlich die Tradition, alle von therapeutischer Behandlung Betroffenen als \u201aG\u00e4ste\u2018 zu bezeichnen. Im nachfolgenden Beitrag mag ich mich mit wenigen psychotherapeutischen Implikationen des Gast-Begriffs im therapeutischen Kontext befassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie subtil die Organisation den Genesungsprozess beeinflussen kann, zeigt eine gro\u00dfe Studie in Deutschland, in der der Genesungsprozess von Operationen an der Gallenblase untersucht wurde. Untersucht wurden Genesungsverl\u00e4ufe mit einer eindeutigen Diagnose und einem chirurgischen Eingriff nach einem Standardverfahren. Der Unterschied lag in der Aussicht aus dem Krankenzimmer. Im einer Gruppe konnten die PatientInnen aus dem Fenster auf eine gro\u00dfz\u00fcgige Parkanlage sehen, in der anderen auf eine Feuermauer. Jene PatientInnen mit Aussicht auf den Park hatten einen um einen Tag (!) verk\u00fcrzte Aufenthaltsdauer (vgl. Spitzer, 2009). Aus Sicht einer Organisation im Gesundheitswesen zahlt es sich also aus, sich \u00fcber Gesundheit f\u00f6rdernde und die Gesundheit behindernde Strukturen Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>Gast und Kurbetrieb passen zusammen, seitdem der Kaiser auf Kur ins Salzkammergut oder am Semmering fuhr. \u201aIn the line of visibility\u2018 wurde dem Kaiser ein wahrhaft kaiserlicher Empfang beschert: die Untertanen standen Spalier, die vor Ort ans\u00e4ssigen Adeligen machten ihre Aufwartung, der Dorfvorsteher, \u00fcblicherweise ein Mann, durfte ein paar Worte sagen, ein erw\u00e4hltes Kind der Eingeborenen durfte ein Gedicht aufsagen und Blumen \u00fcberreichen. Mit ein bisschen Gl\u00fcck wurde dem Kaiser von Gottes Gnaden von ebendiesem an seinem Kurort mit einem prachtvollen \u201aKaiserwetter\u2018 f\u00fcr seine unterj\u00e4hrigen Anstrengungen zum Wohle des Volkes gedankt.<\/p>\n<p>\u201aBehind the line of visibility\u2018 gab es eine Heerschar ein eilfertigen Dienstboten und andererlei Gesinde, die daf\u00fcr Sorge trugen, dass es dem hohen Gast und seiner Entourage an nichts mangle. Sp\u00e4testens seither hat sich der Begriff \u201aGast\u2018 im Kurbetrieb \u201afestgesessen\u2018. Mit diesem Gastbegriff hat sich auch das Verst\u00e4ndnis der Dienstleister_innen am Gast \u201afestgefahren\u2018: Still und unauff\u00e4llig, am besten durch den Dienstboteneingang, in das Haus einsickern, im Hintergrund arbeiten, dem Gast \u201ajeden Wunsch von den Augen ablesen\u2018, durch besondere Eilfertigkeit die Eignung als Gesinde best\u00e4tigen. Aus endlos vielen Umfragen wissen wir, dass dieser \u201aleise schnurrende Betrieb\u2018 das ist, was G\u00e4ste w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Als Psychotherapeut wei\u00df ich aber auch, dass ich einen anderen gesellschaftspolitischen Auftrag habe als jenen, dem Gast eilfertig zu Diensten zu sein. Der Gesetzgeber beispielsweise formuliert es wenig prosaisch: \u201aHeilung von psychischer Krankheit\u2018, die einzelnen Therapieschulen ein bisschen differenzierter. Fest steht aber auch, dass eine geschlossene T\u00fcre und \u201aein bisschen reden dahinter\u2018 alleine nicht ausreichen. Sondern \u2013 systemisch betrachtet \u2013 geht es um \u201aKybernetik zweiter Ordnung\u2018: konkret um die Beachtung der Gestaltung des Beratungssystems. Also jenes Begegnungsbereichs, der in der unmittelbaren Einflusssph\u00e4re der am Beratungsprozess Beteiligten liegt (im Psychodrama nennt man das dann die \u201aBegegnungsb\u00fchne\u2018; in der Psychoanalyse ist es m\u00f6glicherweise \u201adas Setting\u2018; unl\u00e4ngst habe ich auch den Begriff \u201atherapeutischer Raum\u2018 geh\u00f6rt).<\/p>\n<p>Systemtheoretisch betrachtet definiert das \u201aBeratungssystem\u2018 autopoietisch seine Relevanz und Bedeutung und verst\u00e4ndigt sich autonom \u00fcber den Sinnrahmen. Dies stimmt sogar dann, wenn Therapieschulen oder\/und andere bedeutungsrelevante Bezugssysteme bestimmte Aspekte des Rahmens mit vorgeben (z.B. Ethikrichtlinien [keine sexuelle Beziehung mit dem Gegen\u00fcber einzugehen] oder schulenspezifische Richtlinien [frei zu assoziieren, strikt l\u00f6sungsorientiert zu arbeiten, szenisch zu denken, etc.] oder, oder\u2026)<\/p>\n<p>Zweifellos aber wird der Inhalt durch die Bedeutungszuschreibung die gegen\u00fcber den Beitr\u00e4gen in den jeweiligen \u201aBezugssystemen\u2018 angebracht werden, \u201amitbestimmt\u2018: Auf Seiten der Klient_innen beispielsweise all das, was in deren \u201aHeimatsystem\u2018 von Bedeutung war und m\u00f6glicherweise dazu beigetragen hat, dass diese Person eben jetzt Beratung\/Therapie in Anspruch nimmt. Auf Seiten der Therapeut_innen wird all das in das Beratungssystem einflie\u00dfen, was im \u201aBeratersystem\u2018 bedeutsam scheint: die Ausbildung beispielsweise, die Summe der Erfahrungen, usw. So unterschiedlich Zielsystem und Beratersystem auch sein m\u00f6gen, eine Bezugsgr\u00f6\u00dfe aus ihren Herkunftssystemen teilen beide Parteien: Ihren Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik. In diesem Fall finden sie sich auf zwei Seiten des Beistell-Tisches, der auch die Demarkationslinie bildet zwischen \u201aGesund\u2018 und \u201aKrank\u2018.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es viele Studien zum Thema: &#8218;inhaltliche Schwerpunkte von Beratung\/Psychotherapie\u2018. Metastudien dazu liefern die Antwort: Es gibt f\u00fcnf gro\u00dfe Themen, die sich durch mehr als 80 Prozent aller Beratungsformate ziehen (Bohne, 2010):<\/p>\n<p>Vier der f\u00fcnf Themen k\u00f6nnen dem Beziehungskontext zugeordnet werden, sei es in der Beziehung zu sich selbst (Selbstvorw\u00fcrfe) oder zu anderen (Vorw\u00fcrfe oder Erwartungshaltungen anderen gegen\u00fcber) oder im Spannungsfeld zwischen sich und anderen oder den verschiedenen Anderen (dysfunktionale Loyalit\u00e4ten). Zwei der f\u00fcnf Themen sind dem Erleben zuordenbar, wobei sich das Thema \u201adysfunktionale Loyalit\u00e4ten\u2018 auch in der Kategorie \u201aBeziehung\u2018 wiederfindet. Das zweite Thema in dieser Kategorie betrifft das Erleben einer Altersregression.<\/p>\n<p>Wenn aber nun fast 80 Prozent aller Themen in Therapie und Beratung der Kategorie \u201aBeziehung\u2018 zuordenbar ist, so ergibt sich daraus die Forderung an Psychotherapie, der Gestaltung der Beziehung im Beratungssystem eine besondere Bedeutung zu verleihen und diese sowohl implizit als auch explizit zu thematisieren. Damit aber Beziehung (im Verst\u00e4ndnis der Kybernetik 2. Ordnung) \u201athematisiert\u2018 werden kann, muss sie auch \u201aerlebt\u2018 werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Versteckt man aber nun die \u201aBeziehung\u2018 hinter geschlossenen T\u00fcren oder, noch schlimmer, verlangt man von den Therapeut_innen das Gegen\u00fcber als Gast zu behandeln, selbst also \u201adienstbarer Geist\u2018 zu werden, dann wird \u201aBeziehung\u2018 f\u00fcr das Erfahrungslernen nicht nutzbar. Und schlimmer noch: dann wird eine Wirklichkeit \u201akonstruiert\u2018, die den Anspruch der Therapie (zur Heilung von psychischen Leiden beizutragen) unterlaufen: Eine Nicht-Beziehung kann eben nicht f\u00fcr das Erfahrungslernen herangezogen werden. Daraus folgt: Ein_e Psychotherapeut_in darf alles m\u00f6gliche sein, nur nicht ein \u201adienstbarer Geist\u2018 oder \u201asonstiges Gesinde\u2018. F\u00fcr eine_n Psychotherapeut_in muss gelten: Sie muss sich sichtbar und angreifbar machen, am Umgang mit ihr\/ihm kann ein anderes Beziehungsverst\u00e4ndnis gelernt werden.<\/p>\n<p>Will eine Organisation die therapeutischen Mitarbeiter_innen bei ihrer Arbeit unterst\u00fctzen, dann wird sie sich bem\u00fchen, diese Mitarbeiter_innen so sichtbar wie nur m\u00f6glich \u201azu inszenieren\u2018. Das kann reichen von der Kommunikation der Unterscheidung von \u201aHotelgast\u2018 und \u201aPatient_in\u2018, <i>beispielsweise \u00fcber die \u201aHausordnung\u2018 oder Patient_innen-Information\u2018: \u201aHotelbetrieb und Therapie finden zwar im selben Geb\u00e4ude statt, folgen aber unterschiedlichen Logiken\u2018 <\/i>und kann soweit gehen, dass sie das therapeutische Personal als \u201aGastgeber_innen\u2018 an die Mittagstische der Patient_innen setzt. Umgekehrt kann es vorkommen, dass es der Organisation nicht m\u00f6glich ist, irgendeine Form von Unterscheidung einzuf\u00fchren. Dann ist es eben Aufgabe \u2013 und mehr noch: ethische Verpflichtung \u2013 der Therapeut_innen, diesen Unterschied in der therapeutischen Arbeit herauszustreichen. Das kostet nat\u00fcrlich Zeit und mindert den Erfolg an anderer Stelle. Aber wie sagt Steve de Shazer so sch\u00f6n: \u201aThere are no free fucks or lunches in life\u2018.<\/p>\n<p>Wohin Organisation der psychiatrischen Rehabilitation wollen, scheint zum gegebenen Zeitpunkt noch offen. Es scheint aber so zu sein, als w\u00e4re das bisherige Verst\u00e4ndnis aus dem \u201aHotelbetrieb\u2018 heraus gepr\u00e4gt worden. M\u00f6glicherweise war es so, dass der Hotelbetrieb und sein Eingebunden-Sein in eine Wettbewerbssituation dazu gef\u00fchrt haben, dass der \u201aQualit\u00e4tsmanagement-Gedanke\u2018 \u00fcbernommen wurde. Und im Wettbewerb der Hotels untereinander macht ein Commitment dem Gast gegen\u00fcber absolut Sinn. Das darf und soll man von einem guten Hotel verlangen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Therapeutische Beziehung \u201afunktioniert\u2018 anders. Hier muss der\/die Therapeut_in die F\u00fchrung \u00fcbernehmen. Das kann subtil passieren, oder, wie in der Hypnotherapie, dominant. Jeffrey Zeig, Vorsitzender der Milton Erickson Foundation, beispielsweise fordert von den Therapeut_innen: \u201a<i>you have to be one up (\u2026) and only then you can gift-wrap your interventions!\u2018 <\/i>(Zeig, 2012).<\/p>\n<p>Als Therapeut habe ich kein Problem, dass das Hotel seine Bewohner_innen als G\u00e4ste behandelt. Im Gegenteil: das unterst\u00fctze ich aus voller \u00dcberzeugung. Als Therapeut darf ich mein Gegen\u00fcber nicht als Gast behandeln, ohne am Ende f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, vor dem Ethik-Beirat Rechenschaft ablegen zu m\u00fcssen. W\u00e4re ich Mitarbeiter einer solchen Einrichtung, dann w\u00fcnschte ich mir, dass es zu keinem Kampf um die Deutungshoheit kommt (wackelt der Hund mit dem Schwanz oder der Schwanz mit dem Hund \u2013 und vor allem: wer ist der Hund?) sondern dass es zumindest zu einer friedlichen Kooexistenz von Gast und Patient_in in ein und derselben Person, in ein und demselben Haus kommen kann\u2026 und im g\u00fcnstigsten Fall bekommen die Zielpersonen\u00a0 das Beste aus (zumindest) zwei Welten geboten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Verwendung des Begriffes &#8218;Gast&#8216; im psychotherapeutischen Kontext In Kliniken der psychiatrischen Rehabilitation gibt es gelegentlich die Tradition, alle von therapeutischer Behandlung Betroffenen als \u201aG\u00e4ste\u2018 zu bezeichnen. 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