{"id":269,"date":"2014-06-08T09:00:31","date_gmt":"2014-06-08T09:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tordy.at\/?p=269"},"modified":"2018-05-26T10:44:06","modified_gmt":"2018-05-26T08:44:06","slug":"gekraenkte-eitelkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tordy.at\/index.php\/2014\/06\/08\/gekraenkte-eitelkeiten\/","title":{"rendered":"gekr\u00e4nkte Eitelkeiten"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00dcber (psycho-)therapeutisches Tischtennisspielen und andere Formen (psycho-)therapeutischer Freizeitgestaltung<\/em><\/p>\n<p>Unl\u00e4ngst hatte ich die Ehre in einer sozialp\u00e4dagogischen Einrichtung einem denkw\u00fcrdigen Dialog beizuwohnen:<\/p>\n<p>Sozialp\u00e4dagoge zum Psychotherapeuten: Sag, wenn ich mit den Kids Tischtennis spiele, sagst du, ich mach es mir leicht. Und vielleicht sagst du damit auch, ich sollte endlich zu arbeiten beginnen. Kannst du mir bitte erkl\u00e4ren, warum du dann manches mal zwei Stunden am St\u00fcck mit dem Max Tischtennis spielst und offensichtlich Spa\u00df hast?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Psychotherapeut zum Sozialp\u00e4dagogen: Wenn ich dir beim Tischtennisspielen zuschaue, dann sehe ich ja, dass du das aus reinem Vergn\u00fcgen machst. Ich hingegen arbeite. Das Tischtennisspielen mit dem Max ist harte psychotherapeutische Arbeit. Ich muss ja mit dem in Kontakt kommen. Und das mit dem Lachen und der \u201aoffensichtlichen Freud\u2018\u2018 ist nichts anderes als mein professionelles Bem\u00fchen die Kontaktanbahnung zu erleichtern.<\/p>\n<p>Sozialp\u00e4dagoge: \u2018tschuldigung, wir reden \u00fcber den Max, der ist schon seit 2 Jahren im Haus. Liegt es nicht eher daran, dass er der beste Tischtennisspieler unter den Jugendlichen ist?<\/p>\n<p>Psychotherapeut: Wenn du so misstrauisch bist, dann kann ich meine therapeutische Wirkkraft ja gar nicht entfalten! \u00a0(\u2026)<\/p>\n<p>Ich hatte bei dieser Gelegenheit nicht den Auftrag, zu einer Kl\u00e4rung beizutragen oder gar zu einer Pr\u00e4zisierung eines therapeutischen Konzepts. Besch\u00e4ftigt hat mich diese Episode allemal. Immerhin hatte ich \u2013 wahrscheinlich berufsbedingt \u2013 einen Solidarisierungsimpuls mit dem Berufskollegen: Wie kann jemand Berufsfremder das therapeutische Vorgehen infrage stellen?<\/p>\n<p>Die Antwort darauf f\u00e4llt mir mittlerweile leicht: Psychotherapie, wie jeder andere qualifizierte Beruf im weiten Feld von Beratung und Heilung, unterscheidet sich von unqualifizierten Beratungs- und Heilungsangeboten dadurch, dass eine jede Intervention zu jeder Zeit erkl\u00e4rt werden kann und vom Gegen\u00fcber als gew\u00fcnscht angenommen wird und \u2013 im g\u00fcnstigen Fall \u2013 im R\u00fcckblick als hilfreich bewertet wurde. Nur weil ein Psychotherapeut mit einem Klienten Tischtennis spielt, ist das noch lange kein Heilverfahren. Es wird selbst dann nicht Psychotherapie, wenn es zur \u201aKontaktanbahnung\u2018 \u2013 also der Vorbereitung einer m\u00f6glichen Therapie \u2013\u00a0 genutzt wird. Wenn der Kollege tats\u00e4chlich seit zwei Jahren versucht, Kontakt mit dem Max zu bekommen, w\u00e4re ihm vielleicht eine gute Supervision oder Weiterbildung zu empfehlen; vielleicht auch ein Wechsel des Arbeitsplatzes.<\/p>\n<p>Wer f\u00fcr die Supervision eintritt, der k\u00f6nnte das beispielsweise mit der F\u00fcrsorgepflicht des Unternehmens gegen\u00fcber seinen Mitarbeiter_innen argumentieren: Das Unternehmen hat einen vertraglich festgelegten Auftrag zu erf\u00fcllen (im Sinne eines bestm\u00f6glichen \u201aUpbringings\u2018 der anvertrauten Jugendlichen). Daf\u00fcr hat es qualifizierte Mitarbeiter_innen zu besch\u00e4ftigen. Und wenn die Mitarbeiter_innen \u201aschw\u00e4cheln\u2018, dann w\u00e4re es eben die unternehmerische Pflicht der juristischen oder\/und inhaltlichen Leitungsperson, diese Mitarbeiter_in zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wer f\u00fcr \u201aWeiterbildung\u2018 eintritt, der hat eher ein Konzept der \u201ageteilten Verantwortung\u2018 im Kopf. In diesem Fall werden die \u201azwei Jahre\u2018 des Kontaktanbahnungsversuchs als professionelle Schw\u00e4che des Kollegen gedeutet, die \u201aso gravierend\u2018 ist, dass eine einfache Beratungsleistung nicht ausreicht, w\u00e4hrend sich gleichzeitig das Unternehmen bem\u00fcht ein guter Arbeitgeber\/eine gute Arbeitgeberin zu sein. In diesem Fall wird man m\u00f6glicherweise um die Verteilung von Dienstfreistellungen und Urlaubstagen sowie um die Verteilung der Weiterbildungskosten verhandeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wer sich aber f\u00fcr den Arbeitsplatzwechsel des Kollegen einsetzt, der wird wahrscheinlich vor allem die Kosten f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand vor Augen haben und sich m\u00f6glicherweise von einer Art \u201agerechtem Zorn\u2018 getragen f\u00fchlen, \u00fcber all die Abermillionen von Euros die scheinbar gedankenlos \u2013 jedenfalls ohne Qualit\u00e4tssicherungsma\u00dfnahmen \u2013\u00a0 in das bestehende Sozial- und Gesundheitssystem flie\u00dfen. (Wissend, dass man mit der K\u00fcndigung des Kollegen \u201aden Sack und nicht den Esel\u2018 schl\u00e4gt).<\/p>\n<p>In meiner Beobachtung von Organisationen \u2013 vor allem im Sozialsystem \u2013 hat eine solche Argumentation von Kolleg_innen allerdings \u00fcberhaupt keine Konsequenz. Es wird von allen Beteiligten so getan, als w\u00e4re diese Haltung selbstverst\u00e4ndlich und in Ordnung. Mag sein, dass sich die Kollegen dann augenzwinkernd auf einen f\u00fcr alle Mitarbeiter_innen vornehmlich angenehmen \u201amodus operandi\u2018 einigen; nach dem Motto: \u201aEine Kr\u00e4he hackt der anderen kein Auge aus\u2018. \u201aVornehmlich angenehm\u2018 nenne ich dieses Vorgehen deshalb, weil es die Mitarbeiter_innen befreit vor einer Auseinandersetzung unter Peers (\u201aum was eigentlich?\u2018), die Vorgesetzen befreit es von einer Auseinandersetzung um das \u201afachlich richtige\u2018 Vorgehen und die Unternehmensleitung braucht sich die Frage nach dem effektiven Mitteleinsatz nicht zu stellen. Leider hat ein solches Verhalten aber allerorten beobachtbare Auswirkungen: Immer mehr Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitswesen werden von ihren Geldgeber_innen \u201aentm\u00fcndigt\u2018; sie bekommen Vertr\u00e4ge diktiert und m\u00fcssen dazuschauen, wie sie diese umsetzen k\u00f6nnen (besonders deutlich jetzt in der Steiermark zu beobachten, wo \u00fcber das Behinderteneingliederungsgesetz nahezu alle Ma\u00dfnahmen des Sozialwesens gef\u00f6rdert werden; unter zum Teil absurden Rahmenbedingungen). Und selbstverst\u00e4ndlich folgen die Vertr\u00e4ge der Logik der Politik, die selten fachkundig ist, daf\u00fcr immer (und verl\u00e4sslich) nach den n\u00e4chsten Wahlen schielt. Dann macht es einfach(en) Sinn nachweisen zu k\u00f6nnen, man habe soundso viele Pl\u00e4tze in dem und dem Angebotsfeld geschaffen. Denn nach den Ergebnissen dieser Angebote fragt vordergr\u00fcndig niemand. Nachrangig aber all jene, die von diesen Angeboten \u201abetroffen\u2018 sind und sich schlicht unw\u00fcrdig oder\/und schlecht behandelt gef\u00fchlt haben (wie seit fast zwei Jahren die Diskussion im Arbeitslosenbereich zeigt und ganz generell im Wahlverhalten zum Ausdruck kommt [blo\u00df weist niemand auf den Zusammenhang zwischen billiger Kumpanei unter Kolleg_innen, fachlichem Laissez-faire, schlechten Vertr\u00e4gen f\u00fcr Einrichtungen und Demokratiem\u00fcdigkeit hin]).<\/p>\n<p>Manches Mal frage ich mich, wie wohl eine Welt ausschauen w\u00fcrde, in der sich Organisationen (z.B. im Sozialbereich) die Frage stellen w\u00fcrden: \u201aWas kann unser Beitrag daf\u00fcr sein, dass die Mittel der \u00f6ffentlichen Hand bestm\u00f6glich und nachhaltig eingesetzt werden?\u2018 Wie w\u00fcrde sie sich als Organisation im \u00f6ffentlichen Diskurs pr\u00e4sentieren:\u00a0 als Expert_innen-Organisation?; als \u201agute Nachbarn (frei nach Peter Drucker)?; als \u201aMittler zwischen den Welten\u2018 (zwischen der Welt der Hilfesuchenden, der sogenannten \u00d6ffentlichkeit sowie der Politik und der ihr nachgelagerten Verwaltung)?, eher laut oder eher leise? Nach welchen Kriterien w\u00fcrden Entscheidungen getroffen werden (neben solchen der Wirtschaftlichkeit; eventuell das Gemeinwohl im Blick oder doch eher den Shareholder-Value)? F\u00fcr welchen Umgang mit ihren F\u00fchrungskr\u00e4ften w\u00fcrde sie sich dann entscheiden? Welchen Umgang mit Mitarbeiter_innen w\u00fcrde sie von ihren F\u00fchrungskr\u00e4ften verlangen? W\u00fcrde sie \u00fcberhaupt etwas \u201averlangen\u2018? Was w\u00e4ren Kriterien f\u00fcr einen effektiven Mitteleinsatz? Warum gerade diese Mittel? Und wie schaut es mit Learning-Loops aus? \u2026 Ach: und wie wohl w\u00fcrde eine solche Organisation mit den beiden Kolleg_innen verfahren?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber (psycho-)therapeutisches Tischtennisspielen und andere Formen (psycho-)therapeutischer Freizeitgestaltung Unl\u00e4ngst hatte ich die Ehre in einer sozialp\u00e4dagogischen Einrichtung einem denkw\u00fcrdigen Dialog beizuwohnen: Sozialp\u00e4dagoge zum Psychotherapeuten: Sag, wenn ich mit den Kids Tischtennis spiele, sagst du, ich mach es mir leicht. Und vielleicht sagst du damit auch, ich sollte endlich zu arbeiten beginnen. 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